Kirs Vleeschouwer: „50 Cents“ , kleiner

Kris Vleeschouwer: „50 Cents“, 2007
interactive sculpture, kiddie ride, revolver, mechanism, electronics, plexiglass
181 x 128 x 103 cm (h x d x w)
Courtesy Galerie Barbara Thumm

Die großformatigen Gemälde Roman Lipskis, die am sehr schönen neuen Standort der Galerie Birgit Ostermeier in der Brunnenstraße 10 im Hinterhof ausgestellt sind, strahlen Ruhe aus. Die Motive erscheinen zunächst trist und grau: es sind verlassene, leicht vor sich hinbröselnde Industrie- und Wohnbauten mit schwarzen Fensteröffnungen, die suggerieren, dass hier niemand mehr arbeitet oder wohnt. Kleine Details, wie beispielsweise ein aufgespannter Sonnenschirm, lassen hingegen die Anwesenheit des Menschen erahnen, der auf den hier ausgestellten Bildern jedoch nie zu sehen ist. Zu sehen sind vielmehr dessen mehr oder weniger geglückte Gestaltungsversuche der Landschaft. Mal ist ein Weg als Schneise in ein Waldstück geschlagen, mal schlängelt sich ein Drahtzaun über einen Graben. Die Bilder strahlen Einsamkeit und Tristesse aus, was an manchen Stellen jedoch ins Romantische kippt.
Die Stimmung verändert sich, wo unvermittelt zwei von innen heraus rot strahlende Büsche einen Gebäudekubus einrahmen. Diese Arbeit ist gegenüber bei Artnews Projects zu sehen und hier kommt eine zweite Ebene zum Vorschein, die sich auch in rosa und gelb leuchtenden Himmeln andeutet und die vermeintliche Trostlosigkeit konterkariert. Es gibt Hoffnung.

Nebenan bei Klemm’s (sic!), vormals Amerika, was vielleicht diesen merkwürdigen Apostroph erklärt, sind unter dem Titel „Spektakel“ Arbeiten von Viktoria Binschtok zu sehen. Die Künstlerin setzt sich in dieser als Zyklus konzipierten Arbeit kritisch mit den Erscheinungen der hypermodernen Gesellschaft auseinander. Sie hat aus Nachrichtenvideos aus dem Internet den Moment isoliert, indem das Blitzlichtgewitter der Fotografen auf der Jagd nach dem entscheidenden Bild so hell ist, dass die Nachricht fast ausgelöscht wird. Um die Überbelichtung zu betonen, werden die light-jet-prints hinter Acryl gezeigt, der Ausstellungsraum ist abgedunkelt und die einzelnen Bilder sind jeweils von einem Spot angeleuchtet. Wie auf eine Bühne gehoben, verschwimmt der ausgewählte, für die Nachrichtenwelt angeblich so wichtige Moment dennoch im Ungewissen. Was also ist die Nachricht wert und welche Information wird transportiert?

Bei duvekleemann ist der zweite Teil einer Serie mit dem Titel „Mediale Reflektionsräume: Positionen zeitgenössischer Videokunst“ zu sehen, die u. a. Arbeiten junger Künstler aus Berlin zeigt. Halina Kliem, geboren 1976, präsentiert ihre Arbeit „fuck, it looked so appealing on the package“. Hellgrün bzw. leuchtend blau hinterlegt, wird in einer Art stream of consciousness ein englischer Text auf das jeweilige Farbfeld getippt. Das Lauftempo der beiden Rücken an Rücken gezeigten Arbeiten variiert, manchmal werden Worte wieder gelöscht und der Cursor springt unvermittelt zurück. Beide Videos sind geloopt, wodurch sich die hier schnell notierten Gedanken wiederholen und eindringlich ins Gedächtnis des Betrachters einbrennen. Schnell kristallisiert sich ein Lieblingssatz heraus: „I feel like a fresh croissant“.
Die sehr persönlichen Sätze des unsichtbaren Schreibers kreisen um Großstadt, Einsamkeit und komplizierte Liebschaften; sie lassen im Kopf des Betrachters sofort eigene Bilder entstehen. Über den Text wird also unmittelbar ein innerer Film erzeugt. Das funktioniert deswegen so gut, weil sich die Künstlerin bei der Vermittlung des Textes geschickt der dem Medium Film ureigenen Elementen bedient: beispielsweise agiert der Schreiber aus dem Off, der Ablauf von Zeit kommt gleich in mehreren Varianten ins Spiel. Bewegung wird durch den unaufhörlichen Lauf des Textes über den farbigen Hintergrund suggeriert. Obwohl die für einen Film typischen Bilder fehlen, kommen sie beim Betrachter dennoch an.

Die Ausstellung „Mutti ist böse“ hat Angelika Richter, die mehrere Jahre als künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Werkleitz Gesellschaft e.V. tätig war, in Zusammenarbeit mit der Galerie Barbara Thumm kuratiert. In den Räumlichkeiten der Galerie in der Dircksenstraße in Mitte – Barbara Thumm wird demnächst einen zusätzlichen Raum in der Markgrafenstraße 68 eröffnen, die Renovierungsarbeiten dort laufen auf Hochtouren – sind in diesem Rahmen Werke von Kris Vleeschouwer, Ann Course, Guy Ben-Ner, Yael Davids, Jeanne Faust und Johnny Miller zu sehen. Im weitesten Sinne kreisen die Arbeiten um das Thema Familie und das Verhältnis von Eltern und Kindern und die Familie ist oft nicht ein Ort der Geborgenheit, sondern ein Ort der Bedrohung. Gleich am Eingang riskiert der Besucher, plötzlich in den Lauf einer kleinkalibrigen Waffe zu blicken. Diese ist zusammen mit einer großen Giraffe in einem Plexiglaskasten untergebracht. In bestimmten Intervallen fährt, ausgelöst durch die Bewegung des Besuchers vor dem Objekt, die Waffe aus diesem heraus und wird durch einen sichtbaren Mechanismus abgefeuert. Instinktiv hält man sich die Ohren zu und duckt sich unter der Mündung hinweg, aber zu hören ist nur ein bedrohliches leises Klicken. Gleich daneben ist auf einem Fernsehmonitor ein Kind zu sehen, das in einen bunten Plastikball gezwängt ist, aus dem nur die Beine und der Kopf herausragen. Hilflos wie ein Käfer liegt es auf dem Rücken und versucht sich durch eine Wippbewegung fortzubewegen. Das tut weh.
Ein beeindruckendes Bild für die Einsamkeit, in der sich Mütter zusammen mit ihren Neugeborenen oft wieder finden, ist eine Aufnahme von Jeanne Faust. Sie zeigt die Künstlerin selbst, wie sie, ein Buch in der Hand, sehnsüchtig aus einem Badfester hinaus auf eine Landschaft blickt. Vor ihr, auf der zum Wickeltisch umfunktionierten Waschmaschine, liegt das wenige Wochen alte Baby in einem weißen Wollanzug mit nackten Füßen. Vielleicht schläft es, vielleicht schreit es aus vollem Halse, das lässt sich nicht eindeutig sagen. Das Foto gehört zur Serie „Familienfallen“. Die Aufnahmen pendeln zwischen Schnappschuss und Inszenierung und lassen die Schwierigkeiten erahnen, die sich ergeben, wenn sich ein Paar plötzlich zu dritt wieder findet. Jeanne Faust war im letzten Jahr für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert.

Sexualität und Gewalt sind unterschwellig in den meisten hier versammelten Arbeiten präsent und das ist nur vielleicht überraschend. Nach dem herkömmlich bürgerlichen Familienverständnis ist die Familie immer noch der Ort der Geborgenheit. Vielleicht lassen sich an diesen Arbeiten aber ganz aktuelle Verschiebungen des real gelebten Familienlebens ablesen. Das macht die Ausstellung so interessant, denn sie gibt neue Anstöße, über ein mittlerweile vollkommen überkommenes, von den etablierten Parteien immer noch propagiertes Familienbild ernsthaft nachzudenken.