Inke Arns und Gabriele Horn erfreuen in den KunstWerken mit der sorgfältig recherchierten und fein präsentierten Ausstellung „History Will Repeat Itself – Strategien des Reenactments in der Kunst“

Jeremy Deller, The Battle of Orgreave, 2002
Jeremy Deller, The Battle of Orgreave, 2001
Directed by Mike Figgis, commissioned and produced by Artangel
Photo: Martin Jenkinson

Nicht jeder Trend verdient es, Thema einer Ausstellung zu werden. Auch ist die Erklärung zum Trend noch nicht die Gewähr für die Existenz eines solchen. Generell mag solche Skepsis berechtigt sein, bei der aktuellen Ausstellung in den KunstWerken schlägt sie fehl. Im Gegenteil: Den Kuratorinnen Inke Arns, Gabriele Horn und Co-Kuratorin Katharina Fichtner ist eine Ausstellung zu einem aktuellen Thema gelungen, eine Ausstellung, die nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch geschickt präsentiert ist.

Ein bisschen Zeit muss man allerdings mitbringen für die vier Geschosse und insgesamt 25 Beiträge, die zu einem großen Teil aus Filmen bestehen. Das Re-Enactment, zu deutsch „Nachspiel“ oder „Nachstellung“, so die Eingangsthese der Kuratorinnen, biete die Möglichkeit, durch das eigene Erleben einen anderen Zugang zur Geschichte zu bekommen. Damit kann die subjektive Auseinandersetzung mit einem Teil der persönlichen Geschichte gemeint sein, aber auch die gesellschaftliche Aufarbeitung mehr oder weniger weit zurückliegender historischer Ereignisse.

Jeremy Deller, The Battle of Orgreave, 2002
Jeremy Deller, The Battle of Orgreave, 2001
Directed by Mike Figgis, commissioned and produced by Artangel
Photo: Martin Jenkinson

Re-Enactments sind populär und mitnichten eine genuin künstlerische Praxis. Allerdings erregen sie zunehmend das Interesse von Künstlern. Beispiele dafür sind die Filme von Jeremy Deller und dem Team Heike Gallmeier/Tabea Sternberg. Dellers 60-minütiger Film aus dem Jahr 2002 zeigt die Re-Inszenierung des als „Battle of Orgreave“ in die Geschichte eingegangenen, von Maggie Thatcher blutig niedergeschlagenen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien 1984. Es ist derselbe Ort, es sind dieselben Personen, Bergarbeiter wie Polizisten, die zu Wort kommen und dies verdeutlicht geradezu exemplarisch, dass die Beziehung zwischen historischem Ereignis und Nachspiel wechselseitig ist, dass also die Erfahrung des einen den Blick auf das andere verändert. Wenn einer der Bergarbeiter davon spricht, wie er und seine Kumpels damals von dem militärisch durchorganisierten Angriff der Polizei überrascht worden sind, und dies mit den Worten beschreibt, er habe angesichts des riesigen Aufgebots unwillkürlich nach dem Mann mit der Trillerpfeife im Zentrum Ausschau gehalten, dann bezeugt dies weniger die Perspektive des Zeitzeugen von 1984 als den Blick desjenigen, der als Beteiligter des Re-Enactments von 2002 mit der Frage der Organisation von Massen konfrontiert ist.

Was ist ein Original, was eine Kopie? Wann spricht man von Identität, wann von bloßer Ähnlichkeit? Ist es denkbar, dass eine Kopie besser ist als ihr Original? Alte Fragen in neuen Kontexten. Inke Arns verweist in ihrem Text über „Mondrian ’63 – ’96″, einem Ausstellungsbeitrag, der allerhand Rätsel aufgibt, auf die Kurzgeschichte „Pierre Menard, Autor des Don Quijote“ von Jorge Luis Borges. Der Hinweis ist wichtig, denn diese berühmte Geschichte über die Eins- zu-Eins-Reproduktion eines Textes, verbunden mit der Behauptung der Schaffung eines völlig neuen Textes, berührt den philosophischen Kern des Re-Enactments und sie erklärt, warum sich so viele Künstler damit befassen.

Artur Zmijewski, 80064, 2004
Artur Żmijewski, 8006, video still, 2004
Copyright: Artur Zmijewski

Ist eine Kopie besser als ihr Original? Die Ausstellung zeigt auch den Film „80064“ von Artur Żmijeski, der dieses Jahr auch schon im Neuen Berliner Kunstverein zu sehen war. Żmijeski tut in diesem Film das Ungeheuerliche und drängt einen alten Juden und Überlebenden eines Konzentrationslagers, seine verblasste Lagernummertätowierung auffrischen zu lassen. In der Diskussion um das Für und Wider dieses Aktes, die den größten Teil des 11-minütigen Films füllt, entsteht eine Spannung, die sich unmittelbar auch auf den Zuschauer überträgt. Für den alten Mann, der sich trotz gemischter Gefühle am Ende zur Wiederholung der Prozedur bereit erklärt, zählt vor allem eins: Die wieder gut sichtbar gemachte Nummer auf seinem Unterarm erhöhe seine Glaubwürdigkeit als Zeitzeuge. Die historische Spur verblasst, wird überlagert von einer Nachahmung, die besser geeignet scheint, seine Geschichte zu bezeugen. Besser? Schlechter? Das Paradox bleibt, auch das Unbehagen, Zeuge einer Intervention geworden zu sein, die die Grenzen der Integrität des Darstellers berührt, wenn nicht sogar überschreitet.

Artur Zmijewski, 80064, 2004
Artur Żmijewski, 8006, video still, 2004
Copyright: Artur Zmijewski

Daniela Comanis wandfüllender digitaler Print liest sich wie das Tagebuch eines Wahnsinnigen. 365 welthistorisch relevante Ereignisse – und das nüchtern berichtende „Ich“ war überall dabei, als Täter, als Opfer als Zeuge. Man kann die Installation mit dem Titel „Ich war’s. Tagebuch 1900–1999“ wie ein Drehbuch für einen Thriller lesen, dazu passt auch, dass der Ich-Erzähler jede Katastrophe unbeschadet übersteht. Comanis Aneignung der Weltgeschichte entspringt dem Wunsch, Sinn in komplexe Zusammenhänge zu bringen. Was hier passiert, ist zwar abstrus, aber es erinnert auch daran, dass jede Art von Geschichtsschreibung darin besteht, komplexe Ereignisse vereinfacht und in der Struktur von Ursache-Folge-Schritten darzustellen.

Die raumfüllende Installation „Greenwich Degree Zero“ von Roy Dickinson und Tom McCarthy nutzt ebenfalls ganz bewusst die mit der Neu-Inszenierung einhergehende, unvermeidliche Neu-Interpretation. Die in ihrem „Archiv“ präsentierten Dokumente liefern die Auflösung für einen ungeklärten Kriminalfall im Londoner Greenwich Park. Hier kam 1984 der französische Anarchist Martial Boudin infolge einer Explosion zu Tode. Wie ein Schwarz-Weiß-Film zeigt, der Teil der Installation ist, hatte er damit seinen Plan, ein Bombenattentat auf das Königliche Observatorium, das die „Greenwich Mean Time“ festlegt, erfolgreich durchgeführt. Durch Manipulation historischer Zeugnisse wie Zeitungsartikel oder Filmmaterial verleihen Dickinson und McCarthy einer Verschwörungstheorie Gestalt, tragen einem Sehnsuchtsdenken Rechnung, denn in Wirklichkeit blieb das Observatorium bei dem Anschlag unbeschädigt.

Guy Ben-Ner: Moby Dick
Guy Ben-Ner, Moby Dick, Video Still, 2000
Copyright: Guy Ben-Ner

Ein Ereignis muss also nicht stattgefunden haben, um zum Anlass eines Re-Enactments zu werden. Guy Ben-Ner inszeniert in einem sehr vergnüglichen Film eine zwölfminütige Kurzfassung des Walfängerromans „Moby Dick“, konsequent umgesetzt in der heimischen Küchenzeile. Erzählen heißt immer auch Weglassen, Verkürzen und Improvisieren und gerade darin sind er und seine Tochter (ist es seine Tochter?) Meister. Angesichts des Spaßes, den die beiden Darsteller an ihrem kindlichen Spiel haben und der die Zuschauer nicht unbeteiligt lässt, erübrigt sich schon fast die Frage nach dem tieferen Sinn des Ganzen. Die Wirkung des 1851 erschienenen Romans von Herman Melville basierte darauf, dass er den Lesern durch eine geschickt konstruierte Rahmenhandlung und die tagebuchartige Form die Illusion vermittelte, es mit einem Tatsachenbericht zu tun zu haben und nicht mit einem Roman. Die Interpretation von Guy Ben-Ner lässt sich also als eine Rückführung auf den fiktiven Ursprung des „Moby Dick“ verstehen, einen Roman, der – wie Ben-Ner’s Film – einer ganz realen Lust am Erzählen entsprang.

Die Ausstellung hält, was sie verspricht. Das liegt vor allem an der Auswahl der Arbeiten, die mit geradezu wissenschaftlicher Präzision am Thema bleibt, und damit nicht nur einen Überblick über die unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten des Re-Enactments bietet, sondern auch jede Menge bedenkenswerter Fragen aufwirft, etwa nach dem Stellenwert der Authentizität, die ein historisches Ereignis gegenüber seiner Nachstellung beansprucht oder nach der Funktion, die Re-Enactments in der Gesellschaft erfüllen. Trotz vieler Filme, ein medialer Overkill ist diese Ausstellung nicht, dafür sorgen ausreichend Sitzgelegenheiten, abgeschirmte Projektionsflächen und das Angebot zusätzlicher, den Sound aus den Boxen verstärkende Kopfhörer.

Die Ausstellung, die vorher im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein zu sehen war, läuft noch bis zum 13. Januar in den KunstWerken. Zur Ausstellung ist ein deutsch-englischer Katalog mit Texten von Inke Arns, Katharina Fichtner, Gabriele Horn, Tom McCarthy u.a. erschienen (25 Euro, ISBN 978-3-86588-402-2).