Brigitte Waldach: Heimatfilm, 2007

Brigitte Waldach: Heimatfilm, 2007
Courtesy DNA Galerie, Berlin
Alle Rechte vorbehalten: Die Künstlerin

„Neue Heimat“- die erste Assoziation ist der spektakuläre Wohnungsbauskandal der 80er Jahre (1), aber damit hat die aktuelle Ausstellung in der Berlinischen Galerie nichts zu tun. Dass dieser Sachverhalt, ebenso wie die nationalsozialistische Prägung des Begriffs im kollektiven Gedächtnis keine Rolle mehr zu spielen scheint, ist nicht nur erstaunlich sondern schockierend.

Die Ausstellung „Neue Heimat“ wirft mit großer kuratorischer Sorgfalt einen skeptischen Blick auf das Phänomen Heimat. Unter verschiedenen Gesichtspunkten wird der Begriff Heimat kritisch geprüft und es wird ausgelotet, was Heimat heute sein kann. Damit wurde der Rahmen so großzügig abgesteckt, dass sich ganz unterschiedliche Arbeiten darin wiederfinden.

Das ist sehr angenehm. Hier wird der Kunst Raum gelassen, sich auf vielfältige Weise mit einem Thema zu beschäftigen. Dem Konzept der Berlinischen Galerie entsprechend ist allen ausgestellten Arbeiten gemeinsam, dass es sich um Werke von Künstlerinnen und Künstlern handelt, die in Berlin leben und arbeiten. Auf diese Weise zeigt die Ausstellung, die den Untertitel „Berlin Contemporary“ führt, einen interessanten Querschnitt aktueller Berliner Kunst. Dass sich ein Museum wie die Berlinische Galerie der aktuellen Kunstproduktion angenommen hat, ist bemerkenswert und wohl als Vermächtnis der scheidenden stellvertretenden Direktorin Ursula Prinz zu werten. Im Interview – nachzuhören auf dem akustischen Ausstellungsführer – sagt sie, dass sie mit dieser Ausstellung u. a. deutlich machen wolle, was dieses Haus in Zukunft tun sollte und tun muss, nämlich sich mit der aktuellen Kunst in Berlin auseinandersetzen.

Im Katalog zur Ausstellung wird dies von Jörn Merkert, dem Direktor der Berlinischen Galerie, ein wenig relativiert, indem er schreibt: „Noch nie hat die Berlinische Galerie in ihrer mehr als dreißigjährigen Geschichte in so umfassender, komplexer Weise einen Überblick über die aktuelle Kunstszene Berlins gegeben wie mit dieser Ausstellung. Das liegt auch in der Natur der Sache. Denn ein Museum ist, anders als eine Kunsthalle, ein Ort der Erinnerung, wo die Gegenwart stets vor dem Horizont der Geschichte verhandelt wird – und auf dem Prüfstand steht.“ Interessant an dieser Aussage ist, dass hier – vielleicht ungewollt – eine mögliche Definition der Funktion einer Kunsthalle für Berlin geliefert wird, um die die Stadt seit einiger Zeit so heftig ringt und für deren temporäre Installation auf dem Schloßplatz die Würfel vor ein paar Tagen erst einmal gefallen sind.

Gleich am Eingang der Ausstellung findet sich der Besucher in einem Labyrinth aus schwarzen Absperrbändern wieder. Diese lassen zunächst vermuten, dass der Andrang auf die Ausstellung an den Wochenenden wohl enorm sein muss. Es ist jedoch bereits der erste Ausstellungsbeitrag, den man hier durchschreitet und ein Stolperstein, der die Aufmerksamkeit schärft. Eva Grubinger hat die Bänder gespannt und wirft damit einen kritischen Blick auf die Regulierung der mobilen Massen durch diese heutzutage überall präsenten Absperrbänder, die Tensatoren genannt werden.

Am Ausgang des Labyrinths brüllt es unfreundlich aus einem schwarzen Lautsprecher, der an einem windschiefen Hausgerippe hängt, das langsam in sich zusammenzusinken droht. Der Mensch geistert hier nur noch als Stimme herum, während von der Behausung, die diesen Namen nicht mehr verdient, nur die fragile Infrastruktur übrig geblieben ist: ein Abluftsystem, Elektrokabel, Wasserrohre, Heizkörper, eine Küchenspüle. Einige heitere Elemente, wie bunte Lampen oder ein Vogelkäfig, erinnern an die Bewohner, die es hier vielleicht einmal gemütlich hatten. Durch das Entfernen von Decken, Böden und Wänden ist das Versorgungssystem des Hauses für alle sichtbar nach Außen gekehrt und wird in seiner ganzen Verletzlichkeit erfahrbar. In dieser einerseits humorvollen und andererseits düsteren Installation hinterfragt die Künstlerin Tea Mäkipää skeptisch unsere Gutgläubigkeit gegenüber der gebauten Umwelt. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen auch die Arbeiten von Via Lewandowsky, Brigitte Waldach und Mona Hatoum. Lewandowsky spielt mit der Metapher des Kartenhauses, doch ist seine Variante in Massivbauweise ausgeführt und reicht bis unter die Decke des Ausstellungsraumes. Brigitte Waldach hat eine bemerkenswerte Installation geschaffen, die sich mit den Stereotypen des deutschen Heimatfilms der 50er Jahre beschäftigt. Elemente des Horrorfilms schimmern durch die vermeintliche Idylle hindurch und setzen so das hier behandelte Genre ins rechte Licht. Die in Beirut geborene Mona Hatoum hat einen Hausstand an beweglichen Seilen befestigt, die wie von Geisterhand bewegt, zwischen zwei Absperrgittern hin- und herlaufen. Hier kommt die Fragilität von Heimat ins Spiel, ihre Bedrohung durch Krieg, die oftmals Flucht oder Vertreibung zur Folge hat.

Von kurzem Reiz hingegen sind Florian Slotawas „Schätze aus zwei Jahrtausenden“ und der Videofilm von Nina Fischer und Maroan el Sani „The Rise“, der kein cineastisches Meisterwerk ist. Bestenfalls handelt es sich hier um den schwachen Aufguss des Extrakts eines David Lynch Films. Lynchs meisterhafte Verwendung von Doppelgängermotiv und verschachtelter Narration sollte man nur nacheifern, wenn die Idee wirklich 17 Minuten lang trägt.

In diese Ausstellung sind außerdem auch einige Werke der diesjährigen Preisträger des GASAG-Kunstpreises integriert. Mandla Reuter, der Preisträger 2007, hat einen Schlüsselbund, betitelt mit „BG, 2007“ an einen Nagel gehängt. Weit über Kopfhöhe baumeln die Schlüssel, über die auf der erklärenden Tafel zu lesen ist, dass sie Zugang zu allen Räumen der Berlinischen Galerie ermöglichen. Sehr gern würde man den Schlüsselbund mit einer Teleskopstange herunter nehmen, um dies eines Nachts zu überprüfen. Den Förderpreis der GASAG haben die Künstlerinnen Nevin Aladag und Jorinde Voigt erhalten. Letztere beschreibt in einem Interview, das man ebenfalls auf dem akustischen Führer anhören kann, die ideale künstlerische Arbeitssituation als Laborsituation, die ein kreatives Forschen in alle Richtungen ermöglicht. Diese Aussage passt sehr gut zu den hier ausgestellten, zeichnerisch festgehaltenen Bewegungspartituren, mit denen sich die Künstlerin u. a. beschäftigt.

Intelligent kuratiert, dabei aber nicht überdeterminiert oder diskurslastig, ist diese Ausstellung ein echtes Highlight und verlässt mit ihrer Werkauswahl bereits bekannte Pfade. Nicht nur dafür gebührt Ursula Prinz und ihrer Ko-Kuratorin Anne Haun sehr große Anerkennung. Hier sind endlich einmal richtige Entdeckungen möglich. Wenn man mag, kann man im Anschluss an den Rundgang hinauf auf die Galerie gehen und sich die Sammlung der Berlinischen Galerie ansehen. Dort findet sich der historische Überbau, der die Arbeiten zu ebener Erde in einen sinnvollen und tragenden Zusammenhang stellt. Vielleicht war im Titel der Ausstellung ja die These versteckt, dass die Berlinische Galerie ein neuer Ort für zeitgenössische Kunst aus Berlin hätte sein könnte. Aber das bleibt reine Spekulation.

(1) Mehrere Gewerkschaftsfunktionäre hatten sich damals an Wohungseigentümern bereichert und schließlich wurden, im Zuge einer hoffnungslosen Überschuldung besagter Wohnungsbaugesellschaft, tausende von Wohnungen aus Gewerkschaftsbesitz für den symbolischen Betrag von 1 DM an einen mittelständischen Unternehmer mit zweifelhafter Reputation verkauft.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Januar in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstraße 124-128,10969 Berlin zu sehen.