Das Messewochenende beginnt mit heftigem Dauerregen am 27. September 2007. Um 19:28 Uhr erreiche ich die neuen Räume der Galerie Nordenhake in der Lindenstraße. Die Kabel hängen noch von der Decke und es riecht nach Farbe. „Drawing a Tiger“ ist eine Gruppenausstellung, deren schönste Arbeit aus der fernen Vergangenheit stammt. Vor Maya Derens legendärem Experimentalfilm „Meshes of the Afternoon“ (1943, 16 mm, 12 Min.), hier auf Video gezeigt, bleibe ich mehr als 12 Minuten stehen. Unbedingt hingehen, denn dieses Kleinod kriegt man nicht oft zu sehen.

A World at a Loss

Rina Banerjee: A World at a Loss, Globus, hölzerner Altar, Kunstgras, Glaslaterne, schwarzer Sand, Straußenei, 24 rosa Fächer aus Federn. Foto: Petra Henninger

19:55 Uhr: Galerie Volker Diehl „Where the wild things are“. Die Werke Rina Banerjees verströmen eine bunte Fröhlichkeit, die gut zu der Aufgeregtheit im überfüllten neuen Galerienhaus in der Lindenstraße passt. 19:37 Uhr: Völlig durchnässt komme ich bei duvekleemann an, wo ein Environment sowie Fotografien von Ali Kepenek zu sehen sind, die seinen engen Freund Theo porträtieren. Nan Goldin grüßt aus der Ferne. Die Galerie ist ein Neuzugang und hat viele junge Berliner Künstler im Programm.

Freitag, 28. September. Um 15:00 Uhr fängt es wieder an zu regnen. Heute nehme ich die U-Bahn in Richtung Westen. Um 17:02 Uhr betrete ich das Art Forum. Alles ist schön und glatt. Kunst auf hohem Niveau. Überraschungen gibt es erst einmal keine.

„Elli“

Christina Doll: Elli, 2005/06, Betonguß, Hohlguß/Concrete casting
Foto: Petra Henninger

18:33 Uhr: Plötzlich stehe ich vor, oder sollte ich besser sagen unter „Elli“ am Stand von Michael Janssen, Köln/Berlin, einer monumentalen Betonskulptur von Christina Doll. Der Betonguss zeigt eine alte Frau im Kleid, der Rücken gebeugt, Kopf und Hände überdimensional groß. Die knotigen Füße stecken in Gesundheitsschuhen. Wie bei römischen Skulpturen aus Marmor sind die Augen leer.

19:01 Uhr: Der große Flachbildschirm an der Außenwand der Koje von Arndt & Partner zieht magisch Schaulustige an: Reiseerfahrungen eines Rucksacktouristen mischt Julian Rosefeldt mit Szenen, die dem neusten Bollywoodfilm entsprungen sein könnten. Als Rucksacktourist ist er der Held in einem Bollywoodepos. Mal steigt er in Rettermanier von einem Boot, mal badet er in einer jubelnden Menschenmenge irgendwo in Indien. Bunt und fröhlich sind die für dieses Kino typischen mit Musik unterlegten Tanzszenen, die Rosefeldt allerdings hinter den Kulissenaufbauten aufgenommen hat. Hinzu kommen fast dokumentarisch angelegte Aufnahmen aus überfüllten indischen Kinosälen, in denen hunderte von Menschen mit offenen Mündern gebannt auf die Leinwand blicken. An einigen Stellen taucht auch hier der Held wieder auf. Und es werden Reminiszenzen an das frühe europäische Kino wach.

20:01 Uhr: Beim Besuch der von Ami Barak kuratierten Sonderausstellung „House Trip“ macht sich hingegen Enttäuschung breit. Der Versuch, auf der Sonderausstellungsfläche und alternativ, aber doch innerhalb der Messe etwas Herausragendes zu bieten, mutete bereits in den letzten Jahren etwas angestrengt an. Da bin ich gespannt, ob es Hans-Jürgen Hafner im nächsten Jahr gelingen wird, diesen großzügigen Raum interessant zu bespielen.

Samstag, 29. September. Bei Dauerregen geht es zum Kunstsalon, der in diesem Jahr im Wedding stattfindet. Was den Ort betrifft – die ehemalige Zentralwerkstatt der BVG – ist dies eine eindeutige Verbesserung gegenüber den Vorjahren, nicht jedoch, was die dort angebotene Kunst angeht. Im Inneren der verschiedenen Hallen erwarten uns, mit einigen wenigen lobenswerten Ausnahmen, Bastelarbeiten und viel, viel Malerei. Angenehm sticht die Päsentation der Galerie Kunstagenten heraus. Sie ist mit einer Installation des in Bankok geborenen und zuletzt an der Städelschule bei Tobias Rehberger ausgebildeten Att Poomtangon vertreten.

Att Poomtangon: Faust

Att Poomtangon: Faust [irgendwie fehlen hier weitere Angabenzu Material und Bildrechten/Fotograf]

19:45 Uhr: Nach längerem Herumirren in den leicht unübersichtlich angeordneten Räumen, Nebenhallen und Containern auf dem Außengelände, verweile ich einige Zeit am Stand von E105 – Halle für Kunst und Design, wo z. B. puppenhaft kleine, mit Schrankpapier ausgeschlagene Regale wie Soldaten aufgereihte abgeblühte Mohnkapseln beherbergen. Ein fast rührender Anblick. Amely Spötzl arbeitet vornehmlich mit pflanzlichen Materialien, die sie zu neuen Strukturen zusammenklebt, ansammelt oder unter Plexiglas ausstellt. Lange kann ich mich nicht entscheiden, ob das nun Kunst ist, oder bloß Kunsthandwerk.

Kleines Mohnkissen

Amely Spötzl: Kleines Mohnkissen (2003), Wilder Mohn
Foto: Petra Henninger

20:13 Uhr: Es ist Kunsthandwerk. Aber schön.

Sonntag, 30. September 2007. Es hat endlich aufgehört zu regnen und ich fahre zur Preview, die in diesem Jahr in einem der Hangars auf dem Tempelhofer Flughafen untergebracht ist. Die lichte Halle empfängt mich freundlich. Die Preview ist mit sehr gelungenen Präsentationen für mich in diesem Jahr das Juwel unter den Messen. Der Hangar des Flughafens, auf dem nun bald keine Flugzeuge mehr landen werden, bietet im Vergleich zu den Räumlichkeiten der Backfabrik endlich den nötigen Raum, den die einzelenen Galerien für ihre Präsentationen brauchen.

Kei Takemura

Kei Takemura: Renovated Window, 2003,
altes Fenster, ital. Synthetikstoff, jap. Seidenfaden
Courtesy: Galerie Alexandra Saheb

15:40 Uhr: Am Stand von Alexandra Saheb ist eine raumgreifende Arbeit von Kei Takemura zu sehen, die trotzdem noch filigran wirkt und Malerei von Steven Black, der sich jetzt stark der Leipziger Schule annähert.

15:56 Uhr: Eine Computerzeichnung am Stand von Marion Scharmann schlägt mich in ihren Bann. Sie stammt von Eno Henze, ist als Lambdaprint abgezogen und ein Unikat. Technische Spuren ziehen sich durch die ansonsten weichen Linien, die aussehen, wie bunte Tücher in einer hellen Flüssigkeit.

Eno Henze: The Human Factor

Ausschnitt aus: Eno Henze: The Human Factor, 2007, Computerzeichnung/Lambdaprint
Foto: Petra Henninger

16:30 Uhr: Ein kurzer Besuch bei Realace Fine Arts bestätigt den positiven Eindruck von dieser neuen Galerie, den ich bereits bei deren Eröffnung vor einigen Wochen gewonnen habe. Der Stand wird dominiert von einer Arbeit von Stephen Craig, die ein wenig aus der Koje herausragt und so Bewegung in den gesamten Gang bringt.

Realace, Stand auf der Preview

Realace Fine Arts, Preview Berlin 2007

18:04 Uhr: Wieder zu Hause beschließe ich, in diesem Jahr die Liste von meiner Liste zu streichen.

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Service: Galerie Nordenhake, Drawing a Tiger, noch bis 24. Oktober

Galerie Volker Diehl, Where the wild things are, noch bis 23. Oktober

Galerie duvekleemann, Ali Kepenek. Theo-Leipziger Str.-Berlin, noch bis 10. November