Interior 06

Marleen Sleeuwits, Interior 06, C-Print, Edition 5+1AP, 85×115 cm
Alle Rechte vorbehalten: Die Künstlerin

Unter dem Titel „Dutch Mountains at Dawn“ zeigt die Galerie Kunstagenten in ihren neuen Räumlichkeiten in der Linienstraße junge Kunst aus den Niederlanden. Vor drei Monaten entschlossen sich die Galerieleiter Stefanie Feldbusch und Andreas Wiesner aus der Reinhardtstraße an diesen Ort umzuziehen und sind begeistert und überrascht von den vielen Besuchern, die hier den Weg in die Galerie finden. „Für den Start“, sagt Stefanie Feldbusch, „war die Reinhardtstraße genau richtig, denn dort konnte man etwas abseits des Trubels den eigenen Standpunkt entwickeln.“ Dies ist mit Künstlern wie Torsten Brinkmann im Programm – um nur ein Beispiel zu nennen – sehr gut gelungen. „Jetzt allerdings“, meint Feldbusch, „war der Zeitpunkt gekommen, um die große Bühne zu betreten.“

Unter den fünf Positionen der Ausstellung, die Jacco Musper, Mitbegründer des Fotografenkollektivs SKART kuratiert hat, ragen die Fotografien der Künstlerin Marleen Sleeuwits besonders heraus. Ob die Fotografin zu der jeweils vor Ort vorgefundenen Beleuchtung noch weiteres Licht hinzugefügt hat, um die wie inszeniert wirkenden Fotografien und den bühnenartigen Charakter der von ihr gewählten Orte weiter zuzuspitzen, bleibt im Dunkeln und macht den besonderen Reiz der Aufnahmen aus. Die Farbaufnahmen zeigen mal den Vorraum einer Toilette, mal eine vergessene Ecke unter einer Treppe oder das Tablettband einer Kantine. Es sind menschenleere Ecken des Urbanen, die zu sehen sind und die teilweise erahnen lassen, dass hier sonst Trubel herrscht. Der gezeigte Stillstand überträgt sich unmittelbar auf den Betrachter. Angenehm berührt, nimmt er die Ruhe, die den Bildern entströmt entgegen und hält selbst für einen Moment inne.

Im selben Raum steht die Arbeit „Such an endless desire for friendship“ des Künstlers
Robert Lambermont. Er beschäftigt sich darin mit dem Thema Partnersuche im Internet. Durch einen kleinen Motor in Bewegung versetzte Holzlamellen schwingen ruhig vor sich hin, wobei der technische Aufbau des Objekts an die Funktionsweise eines Konzertflügels anknüpft. Hier verbinden sich zwei unterschiedliche Interessen des Künstlers, der einerseits vornehmlich bewegliche Objekte dieser Art herstellt und andererseits als Pianist auftritt. Mit den bunten, grafischen Elementen, die mit Airbrush auf die Lamellen aufgebracht wurden, bekommt die Arbeit etwas stark Dekoratives. Der Zusammenhang zwischen dem vom Künstler hier aufgegriffenen Thema und seiner Umsetzung in der Skulptur bleibt jedoch unklar.

Am Eingang der Galerie befindet sich die Arbeit „Playhouse“ von Sander Plug, die man fälschlicher Weise spontan für ein Spielplatzutensil halten könnte. Die Stirnwände sowie das Dach des aus Holz gefertigten Häuschens sind farbig gestaltet, sämtliche Schrauben mit Sicherheitskappen ausgestattet. Die Arbeit, erklärt die Galeristin, ist ein Reflex auf die Innenarchitektur so genannter Darkrooms, deren Gestaltung die erotische Berührung von Männern untereinander herausfordern soll. Das Objekt changiert zwischen Design und Skulptur und zeigt auf sehr behutsame Weise etwas, das sonst im Verborgenen liegt. Hier wird dem Betrachter nichts aufgedrängt.

Von Martyn F. Overweel sind in einem weiteren Raum eine Auswahl von absurd-komischen Arbeiten auf Papier zu sehen. Die Zeichnungen, meist mit Text kombiniert, sind repräsentativ in Hinblick auf die Beschäftigung mit seinen Lieblingsthemen: „nazis, homos, sex“. Der studierte Grafik Designer und Künstler, der auch für Magazine und Tageszeitungen zeichnet, scheint seinen Blick auf die Welt u. a. bei Robert Crumb geschult zu haben.

Ein Video im Keller kommt ein wenig zwiespältig daher. Jeroen Kooijmans beschäftigt sich darin auf sehr humorvolle Art mit dem Phänomen Oberlippenbart. An sich schon eine aparte Sache. Unterschwellig taucht jedoch auch 9/11 und der Einsturz der Twin Towers darin auf. Interessant wird das Video, da Kooijmans, der im Jahr der Terroranschläge als PS1 Stipendiat vor Ort in New York war, die Ungeheuerlichkeit von 9/11 nicht direkt zeigt. Seine vorsichtige Annäherung an die Katastrophe bringt einmal mehr die Ambivalenz der Gefühle an den Tag, die für den Umgang mit diesem unfassbaren Ereignis typisch sind.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Juli 2007 in der Galerie Kunstagenten zu sehen.