Erika Arzt & Juan Linares:Aber wie soll das gehen, an nichts zu denken?, 2007, Videostill
Erika Arzt & Juan Linares: „Aber wie soll das gehen, an nichts zu denken?“, 2007, Videostill
Alle Rechte vorbehalten: Die Künstler

Ein großer Ball aus durchsichtigem Kunststoff rollt, begleitet und angetrieben von einer Kinderschar, die Straße eines schäbigen Wohnviertels hinab. Es herrscht eine heitere und ausgelassene, von der Lebendigkeit der Kinder und der Neugier der am Straßenrand versammelten Erwachsenen geprägte Stimmung, die sich unmittelbar auf den Zuschauer überträgt. Die Welt hinter der durchsichtigen Membran des Balls, der tatsächlich die Leichtigkeit einer Seifenblase besitzt, erscheint milde und auf fröhliche Weise aus dem Lot gebracht.

Die runde Form, die sich von einer Anhöhe aus mühelos den Weg nach unten bahnt: ein einfaches und universales Bild für die mühelose Verkehrung der Verhältnisse. Denn ist der sich überschlagende Ball nicht Bild einer sich überschlagenen Welt? Es sind die fröhlichen, von Camus nicht beachteten Stunden des Sisyphos. Eigentlich wenig verwunderlich, dass immer wieder Künstler das Bild aufgegriffen haben.

Neben Erika Arzt und Juan Linares, deren Video „Aber wie soll das gehen, an nichts zu denken?“ derzeit im Rahmen der Ausstellung „The Intricate Journey“ in der NGBK zu sehen ist, hat zum Beispiel Claes Oldenburg einen großen weichen Ball hergestellt, Utensil der 1985 in Venedig aufgeführten Performance „Il Corso del Coltello“ . Der aus bemalter, über ein Aluminiumgerüst gespannter Leinwand bestehende Ball wurde von einem Seil zusammengehalten, unter das aus Schaumstoff geformte Haushaltsutensilien gespannt waren. Die große, gemeinsam mit Coosje van Bruggen und Frank O. Gehry konzipierte Performance thematisierte damals den Kampf rivalisierender Kräfte, wie Tourismus gegen Kultur, Machismo gegen Feminismus, Phantasie gegen Realität. Der „Houseball“, den Statisten über die Kanalbrücke ins Arsenale rollten, symbolisierte den Aufbruch in neue Verhältnisse. Unverrückbar und nicht mehr die Spur beweglich dagegen ist der „Houseball“, der seit 1997 auf dem Bethlehemkirchplatz in Berlin-Mitte steht. Oldenburg griff hier zwar auf das Motiv aus „Il Corso del Coltello“ zurück; durch die Ausführung in hartem Kunststoff jedoch verlor die Plastik an Lebendigkeit, bei gleichzeitig verlängerter Lebensdauer.

Und auch in Francis Alÿs‘ wunderbarer Arbeit „The Rehearsal 1“, die 2004 anlässlich seiner Auszeichnung mit dem blueOrange-Preis im Martin-Gropius-Bau und später in Hamburg zu sehen war, taucht das Motiv auf. Der Protagonist ist hier ein roter VW-Käfer, der wieder und wieder eine ansteigende Sandpiste zu befahren versucht – und ein um’s andere Mal zurückrollt. Der gelöste, heitere Moment im Herunterrollen findet seine Entsprechung im Spiel der Musiker, das im Anfahren geordnet und dynamisch beginnt, um am Scheitelpunkt ins Ungeordnet-Trubelnde umzukippen.

„Eines Tages saßen wir in unserer Küche in Berlin“, so Erika Arzt und Juan Linares über die 2006 in Kolumbien realisierte Arbeit, „und betrachteten den Schirm der Küchenlampe, einen runden Ball. Wir begannen über seine Form zu sprechen. Zu einem Ball, so kam es uns vor, hat jeder irgendeine Beziehung. So entsprang schließlich aus dem besonderen Bedürfnis, den Dingen ihren Lauf zu lassen, die einfache Idee, einen Ball einen Hügel Calis hinabrollen zu lassen. In der Hoffnung, einen kollektiven Moment mit seiner eigenen Bedeutung zu inszenieren.“ Das ist gelungen. Ein Stück der Leichtigkeit dieser Arbeit vermittelt die gesamte Ausstellung The Intricate Journey, die noch bis 17. Juni in der NGBK zu sehen ist.