Installationsansicht Fassbinder
KW Institute for Contemporary Art, Berlin
Fassbinder: Berlin Alexanderplatz – Eine Ausstellung (18.03. – 13.05.2007), Installationsansicht
Foto: Uwe Walter

Mit der aufwändigen Restauration von Rainer Werner Fassbinders Film „Berlin Alexanderplatz” ist ein Meilenstein der Filmgeschichte wieder zugänglich. Kurz nachdem die restaurierte Fassung, die auf Initiative der Fassbinder Foundation und mit Unterstützung der Bundeskulturstiftung möglich geworden war, auf der diesjährigen Berlinale im Rahmen unterschiedlicher Veranstaltungen gezeigt wurde, präsentieren nun die KW das Werk in einer ganz speziellen Weise noch bis zum 13. Mai 2007.

Auf der Pressekonferenz Mitte März ließ der verantwortliche Kurator Klaus Biesenbach verlauten, dass es sich bei Fassbinders Werk nicht um einen „fotografierten“ sondern um einen „konstruierten“ Film handle. Unklar blieb, was genau er damit meinte, doch scheint diese Lesart die Rechtfertigung für die in den KW realisierte installative Darbietung des über fünfzehn Stunden langen Opus. Natürlich ist jeder Film zunächst das Ergebnis eines fotografischen Aktes. Fassbinder ist mit der Verfilmung des Romans von Alfred Döblin, die ursprünglich als Serie für das Fernsehen produziert wurde, etwas ganz Besonderes gelungen: Obwohl, oder gerade weil er fürs Fernsehen produzierte, das ihm zeitlebens besonders am Herzen gelegen hat, hat Fassbinder die Möglichkeiten des Mediums bis an dessen Grenzen ausgereizt. Um die Bilder zu produzieren, die er entlang der Romanvorlage erdacht hat, war ihm jedes Mittel recht: Rauch, Goldglitter, Seidenstrümpfe über Kameraobjektiven. Der Gestaltung des Bildraumes und der Lichtverhältnisse waren keine Grenzen gesetzt. Gestaltungsmöglichkeiten der Filmkunst, wie sie einem wie Fassbinder selbstverständlich waren. So ist es umso erfreulicher, dass mehrere Institutionen nun zusammengearbeitet haben, um erstens eine restaurierte Fassung des Werkes zu erstellen – dies kann man aus rein konservatorischer Sicht nicht genug loben – und zweitens das Werk nach 27 Jahren Sendepause wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch genau an dieser Stelle wird es schwierig.

Ziel der Ausstellung in den KW ist nicht etwa eine musealisierte Wiedergabe von Fassbinders Film, sondern u. A. das Aufzeigen seiner Wirkung auf Künstler wie Matthew Barney, Douglas Gordon, Doug Aitken oder Jeff Wall. Die hier vorgelegte Inszenierung des Fassbinder’schen Opus versucht abgesehen davon etwas ganz Verwegenes, nämlich den Film über eine aufwändige Inszenierung über sich hinaus wachsen zu lassen. Aber ist Fassbinders Leistung zu übertreffen? Hat es der Film nötig, in Form einer begehbaren Skulptur präsentiert zu werden? Diese Frage muss mit einem entschiedenen Nein beantwortet werden.

In einer hofartigen Situation werden in der großen Ausstellungshalle der KW die Bilder aus den einzelnen Vorführräumen zusammengeführt. Stellt man sich hier hin, so lassen sich die einzelnen Folgen des Films simultan wahrnehmen. Wie ein Voyeur blickt man in einzelne Fenster hinein, doch statt in einen Innenraum, fällt der Blick jeweils auf einen Monitor, weit größer als ein Fernsehbildschirm. In diesen u-förmig um den Hof angelegten Vorführkabinen werden die einzelnen Folgen des Films separat präsentiert. Allerdings evoziert deren Architektur und Anlage weniger „eine intime Fernsehsituation“ (Biesenbach) als das typische Gefühl beim Betreten eines Kinos: Man tritt ein, der Film läuft bereits, es ist stockdunkel und man wünscht sich nichts sehnlicher als einen freundlichen Platzanweiser, der einem mit der Taschenlampe den Weg zum Sitz leuchtet.
Dass der Verweis oder Bezug zum ursprünglichen Fernsehformat in dieser Anordnung komplett fehlt, liegt vielleicht auch daran, dass sich die Filmhistoriker uneins sind, ob es sich bei „Berlin Alexanderplatz” um einen Fernsehfilm oder eher um eine verhinderte Kinoproduktion handelt. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, diese Frage aufzugreifen, um wenigstens einen der filmhistorisch relevanten Gesichtspunkte in der Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Werk Fassbinders aufzugreifen. Auch wenn die Darbietung des Films insgesamt etwas effekthascherisch erscheint, so lässt sich in ihr doch eine Reflexion über die Möglichkeiten der Vermittlung von Medienkunst an ein breites Publikum erkennen.

Ein echtes Highlight am Rande der Ausstellung ist eine begehbare Box im Eingangsbereich, in der man der Stimme Fassbinders beim Vorlesen des Drehbuchs lauschen kann. Der unten in der großen Ausstellungshalle gezeigte Über- und Umbau, den Biesenbach dem Werk in seiner Inszenierung angedeihen lässt, steht einer sensiblen und unaufgeregten Auseinandersetzung mit Film Fassbinders eher im Wege.

Wir begeben uns deshalb während der Ausstellungsdauer ab und an in den Keller der Kunstwerke, wo der Film ganz einfach über Beamer gezeigt wird. Das einmal erworbene Ticket erlaubt es uns nämlich freundlicherweise, jederzeit wiederzukommen.