Judith Siegmund Fremde Freier 2004
Judith Siegmund: Fremde Freier, 2004, Video.
Alle Rechte vorbehalten: Die Künstlerin.

Mit dem Verhältnis von „Klischees und Wirklichkeiten“ befasst sich der dritte Ausstellungsteil von „Sexwork“ im Haus am Kleistpark. Das umfangreiche Informationsmaterial, das die Ausstellung begleitet, reflektiert die Realität sowie das öffentliche Bild derer, die ihren Lebensunterhalt in der gesellschaftlichen Grauzone verdienen. Auf theoretisch anspruchsvollem Niveau werden darin neue Sichtweisen auf ein altes, von Metaphern und Vorurteilen verstelltes Thema eröffnet. Die Motivation der Freier wird ebenso untersucht wie die juristische Situation der Prostitution in Europa, die Frage nach einem neuen Massensextourismus sowie der Zusammenhang von Prostitution und nationaler Ökonomie. Die Arbeiten innerhalb der Ausstellung führen die Untersuchung dieser Themen fort. Es ist das erklärte Ziel der Kuratorinnen und Kuratoren, „Darstellungsweisen zu präsentieren und zu untersuchen, welche die gängigen Klischees von Viktimisierung und Mystifizierung von Prostituierten vermeiden und voyeuristische Betrachtungsweisen in Frage stellen.“[1]

Entsprechend hat die Arbeitsgruppe der NGBK, von denen einige Mitglieder mit eigenen Werken in der Ausstellung vertreten sind, sich überwiegend für Arbeiten entschieden, die einen ähnlich distanzierten, betont wertneutralen Standpunkt vertreten wie die wissenschaftlichen Beiträge. So besteht ein Teil der ausgestellten Kunstwerke aus Materialerhebungen: Gabriele Horndasch sammelte 600 Synonyme für das Wort „Prostituierte“ und Katharina Kaiser vollzieht in einem Bilderatlas in über 200 kulturhistorischen Abbildungen die visuelle Prägung unserer Vorstellungen von Prostituierten nach. Andere nähern sich dem Thema in Form dokumentarischer Aufnahmen, wie beispielsweise die Arbeiten von Anna Nizio, Judith Siegmund, Cristiano Berti, oder Clara S. Rueprich. In den meisten dieser Film-, Foto- und Videoarbeiten kommen die Betroffenen selbst zu Wort oder ins Bild. Allerdings steht dem Betrachter nie ein konkretes Ich gegenüber, sondern immer ein verfremdetes: Stimmen, die aus dem Off oder von Personen kommen, die dem Ausstellungsbesucher lediglich eine Rückenansicht bieten, Sprachen, die zumindest einem Großteil der Ausstellungsbesucher fremd sind, Standbilder, die Bewegungen fragmentieren sowie Orte, die verlassen wurden, kurzfristig oder für immer.

Die Leerstelle ist das Hauptmerkmal der primär dokumentarischen Arbeiten. Die Aussparungen geben den Vorstellungen des Betrachters Raum und legen durch ihre Brüche die gewohnten Sehweisen bloß.

Um den unscharfen Bereich dessen, was aus der sozialen Ordnung ausgegrenzt wird, sowie die Mechanismen der bewussten Aufrechterhaltung dieser Ausgrenzung zu thematisieren, bedarf es eines neuen Modus des Sprechens jenseits des vorhandenen, vorgeformten Vokabulars. Ein Großteil der im Haus am Kleistpark gezeigten Arbeiten hat sich für eine dokumentarische Sprache mittels neuer Medien entschieden. Ihr Umgang mit dem Thema erinnert stark an Fernsehreportagen. Eine spezifisch künstlerische Bearbeitung kommt dagegen in den meisten Arbeiten weniger zum Ausdruck. Neutralität, Zurückhaltung in der Gestaltung und ein Vertrauen in die Wirksamkeit des Faktischen prägen die Werke. Als Gesamteindruck vermitteln die gezeigten Arbeiten die Schwierigkeit, neues Terrain auf einem alten, mit Klischees überwucherten Boden zu betreten. Die hinter der Ausstellung stehende Frage, wie man künstlerisch dieses komplexe Thema bearbeiten kann, bleibt zu großen Teilen unbeantwortet.

[1] Presseinformation der NGBK zur Ausstellung „Sexwork. Kunst Mythos Realität“.