Herwig Weiser: Death Before Disko, Installation auf der transmediale.07
Herwig Weiser: Death Before Disko, Installation auf der transmediale.07
Alle Rechte vorbehalten: transmediale.07/der Künstler

Die begleitende Ausstellung zur Transmediale mit dem diesjährigen Motto „unfinish!” versuchte ein Feld abzustecken, das von der klassischen Videoinstallation über die reine Toninstallation bis hin zu komplizierten technischen Objekten reichte. Jedoch befand sich unter den Exponaten, ganz entgegen meinen Erwartungen, kaum etwas, das auch nur annähernd die Möglichkeiten und Entwicklungen der gegenwärtigen digitalen Welt abbildete. Ganz in diesem Sinne ging der Preis der Transmediale in diesem Jahr an eine wenig überzeugende Bild-Ton-Installation des 1962 in Belgien geborenen Künstler Herman Asselberghs. Unter dem Titel „Proof of Life“ (2005, 30 Min.) präsentierte uns der Künstler auf einem Videomonitor einen Blick auf einen geschlossenen Raum mit Designermöbeln von Joseph Hoffmann vs. Bericht über eine Geiselnahme auf der Tonspur. Die Drastik dessen, was zu hören war, sollte wohl das ästhetisch ansprechende Bild konterkarieren. Dass die Arbeit räumlich vom Rest der Ausstellung durch einen eigenen kleinen White Cube abgetrennt war und damit ideale Präsentationsbedingungen herrschten, machten sie nicht bedeutender.

David Rokeby: Taken
David Rokeby: Taken, transmediale.07, Installation
Foto: Jonathan Gröger
Alle Rechte vorbehalten: transmediale.07/der Künstler

Gleich links neben dem Eingang zur Ausstellung, die auch in diesem Jahr wieder in den behaglichen Räumen der Akademie der Künste am Hanseatenweg stattfand, war die Arbeit „Taken“ von David Rokeby zu sehen. Dieser hätte man, einer verkürzten Interpretation folgend, vorschnell den Vorwurf machen können, unreflektiert mit der Tatsache der allgegenwärtigen Überwachungskamera zu hantieren. Doch beschäftigte den Künstler, der ursprünglich vom Tanz her kommt, in diesem Fall das Einfangen von Gesten und Abbilden von Bewegungen in Raum und Zeit sowie die Untersuchung von Dauer im zeitbasierten Medium Video. Dass der oben genannte vorschnelle Schluss möglich war, zeigte eine Schwachstelle der Arbeit auf.

Mit Blick auf den Innenhof im ersten Obergeschoss der Akademie ideal platziert war die Toninstallation „Specification.Fifteen“ von Richard Chartier und Taylor Deupree. Während die Besucher auf bequemen Mies-van-der-Rohe-Liegen ruhten, rauschte ihnen aus den Kopfhörern das 45:05 Minuten lange Hörstück direkt in den Körper. Die beiden Künstler haben das Stück ursprünglich auf Einladung des Hirschhorn-Museum in Washington D.C. komponiert, wo es aus Anlass einer Retrospektive des japanischen Photografen Hiroshi Sugimoto 2006 uraufgeführt wurde. Es ist insbesondere von seinen beeindruckenden Meereslandschaften inspiriert. Der Bezug zwischen der Komposition und den Fotografien war in der Ausstellung leider nicht mehr nachvollziehbar. Deswegen hätte sich sicherlich der Besuch der Live-Performance im Rahmen einer der Abendveranstaltungen gelohnt, wo das Hörstück in Verbindung mit der Projektion von Sugimotos Meeresaufnahmen präsentiert wurde.

Glitzernde Maschinenkunst hing in einem abgedunkelten Raum von der Decke. Das merkwürdige Gerät des österreichischen Künstlers Herwig Weiser mit dem Titel „Death Before Disko“ nutzt Online-Datenströme aus der Weltraumbeobachtung und verarbeitet diese zu bizarren Licht- und Klangereignissen. Stachelartige Ausstülpungen aus einer schwarzen, öligen Masse, die an einer der rotierenden Scheiben klebte und durch Magnetismus hervorgerufen wurden, zogen die Blicke der Betrachter ebenfalls magnetisch an. Aber zeigt uns dies technisch etwas, von dem wir noch nichts wussten? Will diese Art der Inszenierung von Technik, dass wir in Ehrfurcht vor ihr erstarren und keine weiteren Fragen stellen? Die Emotionen, die durch die aufwändige Inszenierung des Gerätes sowie seine Geräusche und Bewegungen hervorgerufen wurden, brachten den Betrachter nur tiefer in diese rein passive Erstarrung hinein. Dabei ist unser gegenwärtiger Umgang mit Technik doch mittlerweile ganz unverkrampft und uns in Fleisch und Blut übergegangen.

Roman Kirschner: Roots, Installation auf der transmediale.07
Roman Kirschner: Roots, transmediale.07, Installation
Foto: Jonathan Gröger
Alle Rechte vorbehalten: transmediale.07/der Künstler

In einer Nische versteckt präsentierte sich das philosophische Herz der Ausstellung. Roman Kirschners Installation „Roots“ (2005-2006) bildete mittels chemischer und technischer Spitzfindigkeiten, die auf dem Modell eines chemischen Computers von Gordon Parks aus den frühen 50er Jahren basieren, Rhizome im besten Deleuzschen Sinne aus und war damit visualisiertes Denkmodell und außerordentliches ästhetisches Erlebnis in einem. Hinzu kamen Töne, die aus den in einer Flüssigkeit schwimmenden Elektroden heraus generiert und auf der anderen Seite wieder in das System eingespeist wurden. Die Anordnung war trotz aller Erklärungen des anwesenden Künstlers kaum zu verstehen. Aber darum ging es hier auch gar nicht. Vor diesem Objekt hätte sich der Abend gut und gern verbringen lassen, doch leider fehlte die bequeme Liege, um das in warmem Orange leuchtende kleine Aquarium in aller Ruhe zu betrachten und den Wurzelwuchs und -verfall zu beobachten.

Aram Bartholl: Random Screen, Installation auf der transmediale.07
Aram Bartholl: Random Screen, transmediale.07, Installation
Alle Rechte vorbehalten: transmediale.07/der Künstler

Besonders erwähnenswert und streng genommen fehl am Platze war die Arbeit „Random Screen“ (2006) von Aram Batholl, die auf ganz eigene Art einen ironischen Kommentar zum gesamten Festival zu liefern schien. Sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen, eine Ausstellung mit dem Thema „Humor in der Kunst“ kuratieren zu dürfen, so würde sicherlich seine Arbeit einen prominenten Platz darin finden. Dieses Werk kam zwar nicht ohne Physik aus, aber vollkommen ohne Technik: also Kabel, Strom, Festplatte und derartiges mehr. Und das war mehr als verwunderlich in einer Ausstellung über Medienkunst. Nein, es handelte sich um eine echte Bastelarbeit und die Anleitung gibt der Künstler auf seiner Homepage preis. Simple Teelichter brachten die einzelnen Pixel des Bildschirmes zum rhythmischen Leuchten. Das warf spielend leicht die Frage auf, wie schnell wir durch Technik zu täuschen sind. Und es war die einzige Arbeit in der Ausstellung, die es wagte, das System Transmediale zu verlassen, bewusst aus ihm herauszutreten und damit eine kritische Reflexion zum Thema Kunst und Digitale Kultur zu liefern.

Nach 20 Jahren, in denen sich das Festival von einem reinen Video-Film-Festival zu einer Art Konferenz gewandelt hat, deren Ziel darin besteht, die Veränderungen auf dem Sektor der digitalen Kultur aufzugreifen und abzubilden, scheint sich zumindest die Ausstellung ein wenig überlebt zu haben. Um nicht zu sehr ins hochtechnisierte Abseits zu geraten, waren in diesem Jahr offensichtlich ganz bewusst viele Arbeiten ausgewählt worden, die mit dem Format Video in klassischer Manier arbeiteten. Leider fanden hiervon nicht gerade besonders avancierte Werke den Weg in die Ausstellung. Für das kommende Jahr wartet die Veranstaltung nun mit einer neuen künstlerischen Leitung auf: Stephen Kovats, zuletzt Chef-Kurator am V2_Institute for the Unstable Media in Rotterdam, wird ab 2008 die Leitung des Festivals übernehmen. Da gibt es also Hoffnung!