Die Ausstellungen in der NGBK leiden häufig unter einer gewissen Gleichförmigkeit im Erscheinungsbild, ein Phänomen, das leider auch für die aktuelle Ausstellung gilt. Zur Dominanz der Film- und Fotoarbeiten heißt es erklärend im begleitenden Text der Arbeitsgruppe: „Neue künstlerische Medien eignen sich offenkundig eher als eine Bearbeitung in traditionellen Formaten.“ Ich mag nicht zustimmen und auch die gezeigten Exponate lehren anderes.

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Ulrike Solbrig, Albertine im Wartezimmer des Polizeiarztes, 2006, CD und Video (4 h)
Alle Rechte vorbehalten: Die Künstlerin

Zwar besteht auch Ulrike Solbrigs Ausstellungsbeitrag aus einem Video, kombiniert mit einer Audiospur, doch im Zentrum ihrer Arbeit steht ein Gemälde. Ein höchst brisantes zudem, ein Werk, das Politik gemacht hat.

Ulrike Solbrig hat das Bild „Albertine im Wartezimmer des Polizeiarztes“ während eines Aufenthaltes in Oslo zufällig entdeckt. Das große, 1885-87 entstandene Gemälde hängt in einem zentralen Raum der Nationalgalerie. Gemalt wurde es von Christian Krogh, der auch der Verfasser des Romans „Albertine“ ist.

Buch und Gemälde bilden den Ausgangspunkt von Ulrike Solbrigs Recherche, deren Ergebnisse die Tonspur nüchtern referiert und die – aller Nüchternheit zum Trotz – unmittelbar Begeisterung und Erstaunen auslöst. Geht es doch um die Geschichte des Künstlers Krogh, in dessen Bekanntenkreis eine Prostituierte erst von einem Polizisten vergewaltigt und später von eben jenem wegen Verdachts der Prostitution zum Polizeiarzt vorgeladen wird. Krogh entwickelt in Folge eine höchst eindrucksvolle „politische Kampagne aus der Kunst heraus“, in deren Rahmen er das Bild auch in einem Ausstellungsraum präsentierte, der vorrangig den Osloer Prostituierten zugänglich war. Sie mündete 1888 in die Änderung eines diskriminierenden Gesetzes über Geschlechtskrankheiten.

Ulrike Solbrig ergänzt den Blick in die Vergangenheit durch eine Ansicht der aktuellen Hängung im Nationalmuseum. Ein vierstündiger Film zeigt, wie die Besucher auf das Gemälde reagieren, ohne Aufzumerken an ihm vorbeilaufen oder davor stehenbleiben, um es sich zu erklären. Wer den Text dazu hört, kommt nicht umhin zu bemerken, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der jungen Museumsbesucherin im schulterlosen Top und dem Bild, das ihr nur einen kurzen Blick wert ist.

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Tadej Pogačar, Monument for Unknown Sex Worker/Denkmal für die unbekannte Sexarbeiterin/den unbekannten Sexarbeiter, 2002, Fotografie als Tintendruck auf Vinyl
Alle Rechte vorbehalten: Der Künstler

Mit seinem „Monument for Unknown Sex Worker“, das in der Ausstellung durch eine Fotografie repräsentiert wird, greift auch Tadej Pogačar Traditionen des 19. Jahrhunderts auf, um sie gleichzeitig zweifach zu brechen: Bei dem vom 1. bis zum 5. Februar 2002 in Ljubljana errichteteten Denkmal handelte es sich um eine temporäre Installation aus vergänglichem Material, die dem immanenten Ewigkeitsanspruch eine Absage erteilt. Der zweite Bruch steckt in der Widmung. Denkmale für den „unbekannten Soldaten“ sind uns vertraut – was passiert, wenn eine Gesellschaft beschließt, ihren unbekannten Sexarbeiter/-innen ein Denkmal zu setzen?

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Cristiano Berti, Memorial, 2001-2002, (aus einer Serie von 18 Fotografien)
Alle Rechte vorbehalten: Der Künstler

Ebenfalls Denkmalcharakter beanspruchen die zehn Fotografien, die im Zeitraum 2001 bis 2002 aufgenommen wurden (Fotograf: Piero Ottaviano) und mit „Memorial” übertitelt sind. Sie zeigen unspektakuläre Orte im nahen Abseits von Verkehrswegen, Büschen und Tiefgaragen. Die 18 Aufnahmen umfassende Serie ist das Ergebnis einer Recherche von Christiano Berti, die den 19 ermordeten weiblichen Prostituierten der Provinz Turin zwischen 1993 und 2001 galt. Bei den Orten handelt es sich um Tatorte. Und auch wenn die Leichen der toten Frauen längst entfernt sind, gefrieren die Aufnahmen im Wissen um die Geschichte dieser Orte zu Orten der Erinnerung.

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Tadej Pogačar, Anja Planišček: Working Unit Z01, 2003. Fotomontage
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Zusammen mit Anja Planišček hat Tadej Pogačar die „Working Unit Z 01“ entwickelt, Entwürfe für „bequeme Sexarchitekturen für den öffentlichen Raum“. Weniger als Opfer, wie es im Denkmal anklingt, denn als Akteure erscheinen hier die anvisierten Nutzer. Das auffällige Design der „Working Units“ suggeriert smarte Lösungen für scheinbar einfache Probleme, oder wie es im Begleittext heißt: „Die Tatsache, dass sich der sexuelle Trieb nicht unterdrücken lässt und auch die Möglichkeiten der Kompensation irgendwann an ihre Grenzen stoßen, erfordert couragiertes Handeln der Verantwortlichen. Will man ein entspanntes gesellschaftliches Klima gewährleisten, muss für Voraussetzungen der Triebabfuhr gesorgt sein.“ Bietet Design Lösungen für gesellschaftliche Probleme?

Bieten Ausstellungen Lösungen für gesellschaftliche Probleme? Zumindest zeigen sie Perspektiven auf. Und dass einzelne Kunstwerke dieses Potential besitzen, ist mit Ulrike Solbrigs Recherche zu Kroghs „Albertine“ eindrucksvoll bewiesen.