Ho Tzu Nyen, Bohemian Rhapsody Project
Ho Tzu Nyen: The Bohemian Rhapsody Project, 2006. Videostill.
Alle Rechte vorbehalten: Der Künstler

„Is this the real life/is this just fantasy“ – zwei unwirkliche Mädchengesichter öffnen eine große Tür und geben den Weg frei in ein enormes Treppenhaus. Die zarten Stimmen passen zu den puppenhaften Gesichtern, nicht jedoch zu ihren Lippenbewegungen. Trotz der Irritation wecken sie sofort die Erinnerung an ein altbekanntes Lied: Ho Tzu Nyens Projekt ist eine direkte Auseinandersetzung mit dem legendären Song „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Das Video des aus Singapur stammenden und dort lebenden Künstlers und Kulturwissenschaftlers folgt in Text und Melodie diesem Meilenstein der Popmusik, der bereits 1975 aufgenommen und veröffentlicht wurde.

Die Interpretationen der komplexen „Bohemian Rhapsody“ sind zahlreich und spannen weite assoziative Bögen. Konsens ist jedoch das Kernthema von Anklage und Urteil. Dies hat Ho ganz direkt übersetzt:

Sein Video spielt im ehemaligen Gerichtssaal der City Hall von Singapur. Wie viele von Hos früheren Arbeiten ist damit auch diese eng mit der sozialen und kulturellen Geschichte Singapurs verbunden. Die mittlerweile museale City Hall ist eines der historisch bedeutenden Gebäude des Inselstaates. Das 1929 erbaute Rathaus war Schauplatz vieler entscheidender Ereignisse in der Geschichte des Landes, wie der Kapitulation Japans 1945 und damit der Übergabe Singapurs an Großbritannien, der Selbständigkeit als Kronkolonie 1959 sowie der Unabhängigkeitserklärung von 1965. Aufgrund der weltweit höchsten Hinrichtungsrate, die Singapur gemessen an der Einwohnerzahl hat, war der Gerichtssaal Ort vieler Todesurteile. Ho schuf die Arbeit speziell für diesen Ort, an dem sie erstmals 2006 im Rahmen der Singapur-Biennale gezeigt wurde.

Über diese narrative Ebene und lokale Adaption hinaus ist die Arbeit vor allem eine Auseinandersetzung mit der Popkulturgeschichte: Queen schuf zur „Bohemian Rhapsody“ 1975 das erste bahnbrechende Musikvideo, das der Welt der Musikclips die Tür, vielmehr die Schleusen, öffnete. Ho übernimmt zwar formal die Dreiteilung des epischen Songs und lässt dem ersten Teil eine Traumsequenz folgen, die die anderen beiden Teile umspannt und mit dem Erwachen des Angeklagten und der Kamerafahrt aus dem Gebäude endet. Doch die bekannten Muster der Musikclips, allen voran die Synchronität von Bild und Ton, werden gestört, mediale Brüche eingebaut.
Dem Pathos der Queen-Rhapsodie, die im Kopf der Zuschauer auf ihren Einsatz wartet, entzieht sich Hos Film, indem er die berühmten Musikpassagen nur zitiert oder ironisch anspielt. Die balladenhafte Ich-Erzählung wird durchgängig gesprochen, der Refrain von einem statuarischen Engelschor gehaucht. Mittels witziger Einlagen, wie einem Ventilator-Schwenk – „Anyway the wind blows“ –, dem zentralen musikalischen Motiv als Handyklingelton oder dem gebleichten Haar, das einen der Darsteller wie ein flammender Heiligenschein umgibt, wird die Autorität des Queen-Songs spielerisch unterlaufen. Gleichzeitig werden durch Bildzitate wie Francis Bacons Velásquez-Aneignung völlig neue Assoziationsbereiche eröffnet.

Ho verweigert dem Betrachter immer wieder das Verfallen in bekannte Identifikationsmuster, so wird der Ich-Erzähler nicht von einem einzelnen Darsteller verkörpert, sondern teilt sich auf in mehrere. Laut Ho handelt es sich um die tatsächlichen Casting-Sequenzen der jungen Schauspieler, die sich für die Mitarbeit in diesem Projekt bewarben. Der Film setzt sich so aus seiner eigenen Vorgeschichte zusammen. Gleichzeitig reflektiert die Arbeit ihren eigenen Schaffensprozess, indem mehrere Kameras so angeordnet sind, dass sie sich selbst beim Filmen zeigen. Die Ebene des Urteilens und Richtens wird damit auf den Prozess der Kunstproduktion bezogen: Der Regisseur des Films und damit Ho, der Künstler selbst, wird zur urteilenden Instanz, zum Richter, der über das Bestehen der Schauspieler entscheidet.

Ho setzt auf die Popularität des Liedes, wenn er hofft, dass die Zuschauer das Stück in ihren Köpfen auch über den eigentlichen Film hinaus mitnehmen und das Original in ihrem „Kopfkino“ mit neuen Bildern und Assoziationen verdichten. Bei der Präsentation in der Singapurer City Hall folgten die Zuschauer anschließend dem Weg, den die Kamera am Ende des Films zeigt. Sie vollzogen in der Realität nach, was ihnen das Video vorzeichnete. Mit der Präsentation im Projektraum „Sparwasser HQ“ ändert sich dieser Kontext. Der Betrachter verlässt den abgedunkelten Raum und anstatt durch das repräsentative, offizielle Treppenhaus zu gehen und von der enormen, säulenflankierten Freitreppe aus die Rasenfläche vor dem Rathaus zu überblicken, fällt er direkt in den Januarregen auf die befahrene Torstraße. Der nasskalte Zusammenstoß mit der Realität lässt nach weiteren Verschiebungen des Interpretationsrahmens fragen, oder ist nur das Wetter anders?
Hos Arbeit ist auch eine Auseinandersetzung mit der kulturellen Landnahme in einer globalisierten Welt, deren Kolonialmacht die Popindustrie ist. Er hinterfragt die kulturelle Prägung eines Landes wie Singapur, mit polyethnischer Bevölkerungsstruktur und einer wechselvollen Geschichte unter Fremdherrschaften.

Es gereicht Ho zum Verdienst, die „Bohemian Rhapsody“ nicht auf eine schlüssige Interpretation reduziert, sondern das Stück von seinem Standpunkt her aktualisiert und Fragen daran aufgeworfen zu haben. Indem er in einem Text über das „Bohemian Rhapsody Project” Derridas Terminus der „Falte“ verwendet, macht Ho deutlich, dass es dabei nicht mehr um Einheiten von Identität und damit der Konkurrenz von Kulturen als Verhältnis von Medien und Macht, als Kampf um Deutungshoheit geht, sondern um die diskontinuierliche Bewegung ihrer gegenseitigen Durchdringung und Veränderung, und damit um die Frage nach der Hybridität von Kultur – so wurde doch bereits Farrokh Bulsara, alias Freddy Mercury, als Kind einer persischen Familie in Sansibar geboren, verbrachte seine Jugend in einem Internat in Indien und flüchtete später mit seiner Familie nach London. Diese Elemente überlagern sich, „falten“ sich in das Stück und bereichern den Film, den der Betrachter in seinem Kopfkino mit hinausträgt.

Hos Beitrag ist der Auftakt einer Serie verschiedener Performances und Stücke, die im Rahmen des „Glowing Whistle Festivals“ im Projektraum „Sparwasser HQ“ gezeigt werden. Sie dienen der Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit und in welchem Ausmaß der Ausstellungsraum als Bühne genutzt werden kann. Das „Bohemian Rhapsody Project“ ist noch bis zum 17.2.2007, mittwochs bis freitags von 16 – 19 Uhr und samstags von 14 – 18 Uhr zu sehen.