Haacke Akademie der Künste Fassade

Hans Haacke: Kein schöner Land
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Anlässlich des 70. Geburtstags von Hans Haacke hat die Berliner Akademie der Künste, zusammen mit den Deichtorhallen in Hamburg eine Doppelausstellung realisiert. Damit ist erstmals in Deutschland ein repräsentativer Überblick bzw. eine Retrospektive des Werks von Hans Haacke zu sehen. Für die Berliner Schau zeichnet Matthias Flügge, für die Hamburger Auswahl Robert Fleck verantwortlich. Während die Deichtorhallen vornehmlich frühe und schwerpunktmäßig Werke zeigen, die sich mit Wirtschaft, Unternehmen sowie Sponsoring beschäftigen, versammelt die Berliner Akademie der Künste die Arbeiten, die sich auf Politik und Geschichte beziehen. Im Folgenden soll es um die Berliner Schau gehen.

Gleich, im ersten Raum ist eine Dokumentation zu einer der umstrittensten Arbeiten des Künstlers zu sehen, die 2000 von Hans Haacke im Reichstag realisierte Arbeit „Der Bevölkerung“. Sie wird einerseits durch eine Reihe von Fotos dokumentiert, die sicherlich unabsichtlich schief an der Wand hängen und zeigen, was in dem Trog mittlerweile wächst. Andererseits zeigt ein ebenfalls zu dieser Installation gehörender Bildschirm – der Ton ist sehr leise gedreht und Kopfhörer fehlen – die Bundestagsdebatte, die sich dem damals sehr kontrovers diskutierten Werk widmete, dem unter anderem der schwere Vorwurf gemacht wurde, sie folge einer Blut-und-Boden-Ästhetik.

Im Kontrast dazu hängen bzw. liegen im selben Raum die Arbeit „Große Welle“ aus dem Jahr 1965 und der „Kondensationsboden“ von 1963/67. Beide gehören zu den von Haacke unter dem Begriff „Realzeitsysteme“ subsumierten Arbeiten und bringen, wie Walter Grasskamp im Katalog zur Ausstellung schreibt, das Unbehagen Haackes „gegenüber fertigen Werken, die das Atelier des Künstlers als Momentaufnahme einer privilegierten Kreativität verlassen“[1] zum Ausdruck.

Im Vergleich zu den vielen sehr politischen Arbeiten in der Ausstellung fallen sie durch ihre vorrangig formal-ästhetische Gestaltung geradezu heraus, stecken jedoch durch diesen Kontrast den Rahmen der Schau ab, die zwischen poetisch wirkenden Werken und stark politisch motivierten Arbeiten oszilliert.

„Kein schöner Land“ (2006) an der Fassade der Akademie macht auf ein besonders seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten überaus brisantes Thema aufmerksam: Die Ermordung von Menschen durch Neonazis, „weil sie nicht deutsch aussahen“, wie es auf dem schwarzen Balken heißt, der die Reihe von weißen Tafeln horizontal durchschneidet. Die von Haacke hier verwendeten künstlerischen Mittel fallen sehr reduziert aus und wirken vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren sehr detailliert geführten Debatten, um ästhetisch überzeugende Lösungen für Mahnmale, merkwürdig blass. Allerdings könnte dieses Verfahren im Sinne seiner künstlerischen Strategien auch Absicht und als Replik auf die immer gleichen Ideen, die die Mahnmalskunst in den letzten Jahren hervorgebracht hat, gemeint sein.

Das pulsierende Herzstück der Schau ist die Arbeit „Circulation“ aus dem Jahr 1969, die ebenfalls zu den Realzeitsystemen gehört. Zunächst scheinbar ganz ohne politische Bezüge, zeigt die myzelartig auf dem Boden ausgebreitete Skulptur aus Plastikschläuchen, durch die eine mit Bläschen durchsetzte Flüssigkeit gepumpt wird, etwas, das sich nur erahnen lässt. Hier ist plötzlich Raum für freie Assoziationen des Betrachters und gerade an diesen Stellen, an denen Haacke weniger plakativ arbeitet, wird die Ausstellung besonders interessant.

Insgesamt bleibt am Ende ein Unbehagen darüber, dass in der Häufung der historisch-politisch motivierten Arbeiten, die in der Natur einer umfassenden Retrospektive liegt, der Blick auf die wichtigen kritischen Interventionen Hans Haackes eher verstellt als erhellt wird. Sein Anliegen mit Hilfe von Kunst, aber durch wissenschaftliche Methoden und Analyseverfahren gesellschaftliche Missstände und prekäre Zusammenhänge aufzuzeigen, erfährt durch diese Häufung eine dem Werk wenig zuträgliche Verflachung und Pathetisierung. Bereits anlässlich der Biennale in Venedig 1993 beschreibt der Kunstkritiker Stefan Römer in Konkret dieses Dilemma, in dem er konstatiert: „In den Medien zeichnet sich breite Anerkennung für Haackes Arbeit ab, wobei stets ihre politische Aussage akzeptiert, ihre ‚Qualität’ als Kunstwerk jedoch abgelehnt wird“.

Die Schau ging am 14. Januar zu Ende. Ein umfassender Ausstellungskatalog, erschien, der die Berliner und die Hamburger Ausstellung abdeckt.

[1] Walter Grasskamp: Kassel New York Köln Venedig Berlin, in: Hans Haacke – wirklich. Werke 1959-2006, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste und den Deichtorhallen Hamburg, Düsseldorf, 2006, S. 27.