Janine Antoni, Mortar and Pestle
Janine Antoni: Mortar and Pestle
Alle Rechte vorbehalten: Die Künstlerin und Luhring Augustine, New York

Mut und Muße sind erforderlich, um die Ausstellung „Into Me/Out of Me” in den KunstWerken zu verkraften. Auf fünf Etagen sind Exponate von 130 internationalen Künstlerinnen und Künstlern versammelt, die thematisch um Aspekte des Ein-und Durchdringens von Körpern kreisen. Das bringt zwangsläufig die Darstellung tabuisierter Themen mit sich, den ungetrübten Blick auf Unappetitliches und das Experiment am eigenen oder am fremden Körper. Ob sich der strapaziöse Ausstellungsparcours lohnt, ist eine Frage des Verhältnisses von Erkenntnisgewinn auf der einen und der Höhe des erforderlichen persönlichen Einsatzes auf der anderen Seite. Mithin eine Frage, die jeder Einzelne für sich entscheiden muss. Jugendlichen unter 18 wird die Entscheidung abgenommen, sie haben keinen Zutritt zur Ausstellung.

Was gibt es genau und im Einzelnen zu sehen?

Biesenbach eröffnet ein weites Spektrum, das nicht nur viele und extrem unterschiedlich arbeitende Künstler erfasst, sondern er spannt auch einen weiten historischen Bogen, der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Der Rückgriff ist mehr als berechtigt, denn viele der aktuellen Positionen sind ohne ihre Vorläufer, wie den Wiener Aktionismus, die feministisch inspirierte Aktionskunst von Valie Export und Carolee Schneemann sowie die singulären Positionen etwa von Joseph Beuys oder Louise Bourgeois, kaum denkbar.

Die Einbeziehung älterer Kunstwerke zeigt sehr deutlich, dass sie auch den neuesten Arbeiten in punkto Radikalität und Extremität in nichts nachstehen. Vielfach bleiben sie in der Radikalität und Einfachheit der Aussage ein unerreichtes Vorbild. 1980 haben Marina Abramović und Ulay mit der Performance „Rest Energy” den Bogen weit gespannt. Und die Spannung, die das knapp fünfminütige Video mit dem denkbar einfachen Setting vermittelt, hält bis heute an: Ulay, der bis zur Grenze seiner körperlichen Belastbarkeit die Sehne eines Bogens gespannt hält, während Abramović bebend vor ihm steht, den vibrierenden, auf ihren Oberkörper gerichteten Pfeil erwartend.

Chris Burden: Shoot, 1971

Chris Burden: Shoot, 1971
Alle Rechte vorbehalten: The Museum of Modern Art and Electronic Arts Intermix

In der Ausstellung erscheint „Rest Energy” im Kontext zu weiteren sehenswerten Foto- und Filmarbeiten. Chris Burden war es 1971 mit „Shoot” gelungen, die Performancekunst mit konzeptuellen Ansätzen zu verbinden und seine Überlegungen auf äußerst radikale Weise zuzuspitzen, indem er sich vor laufender Kamera auf Anweisung hin in den Oberarm schießen ließ. Mit einer großen, hinterleuchteten Cibachrome-Arbeit thematisiert Mat Collishaw Aspekte der Repräsentationsästhetik. Stark vergrößerte Körperpartien, präsentiert in farblicher Brillanz – wo liegt der Unterschied zwischen dem Blow Up eines lippenstiftgeschminkten Mundes und dem einer Kopfschusswunde (Bullet Hole, 1988–93)? Kontextlos präsentiert sich der Beitrag von Tony Tasset. Hier ist man auf die Kenntnis des Titels und das Wissen um die Mehrdeutigkeit der Vokabel „squib” angewiesen, um die Gewissheit zu haben, man sei nicht gerade Augenzeuge einer Erschießung geworden. Erst dann wird es überhaupt erträglich, auf den Bildschirm zu gucken, auf dem in Endlosschleife alle 35 Sekunden der Körper eines Mannes von einer Munition erfasst, hoch- und scheinbar tot zu Boden geschleudert wird. „Squib” ist der Auslöser für eine Entladung, also gleichermaßen der Zünder der Munition wie auch der Debatte, die so ein Kunstwerk auszulösen vermag.

So ein enger und erhellender Bezug zwischen den Exponaten ist jedoch nicht immer herzustellen. Über weite Abschnitte wirkt die Ausstellung wie ein unsortiertes Sammelsurium, mehr wie ein Brainstorming als eine fertig konzipierte Schau. Der Versuch, Entwicklungslinien aufzuzeigen, die einen künstlerischen Beitrag aus den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts mit künstlerischen Zugriffen der Gegenwart verbinden, scheitert, wo einem Exponat nur noch Stellvertreterfunktion zugebilligt wird – etwa für ein Œuvre oder eine künstlerische Richtung – die Nachweisführung, was dieser Beitrag in der Ausstellung zu suchen hat, jedoch unterbleibt.

Tatsächlich bedarf es enormer Konzentration, sich auf einzelne Arbeiten wirklich einzulassen und sich nicht auf die Suche nach schnellem Sex Sensationen zu begeben. Gelingt dies, wird man in den fünf Etagen vielfach fündig. Schlaglichtartig sollen hier drei Positionen vorgestellt werden: Hannah Wilkes Foto-Triptychon ist ein schmerzhaftes und schonungsloses Porträt ihres Körpers in unterschiedlichen Stadien einer Krebserkrankung. Der Aspekt der Öffnung bzw. des Eindringens erscheint in Form einer Metapher. Es ist der Einblick in die Intimität ihres Körpers, den sie gewährt (August 17, 1992/February 15, 1992/August 9, 1992; from: Intra-Venus series #3, 1992-93).

Nicht zerstörerisch, vielmer rätselhaft und poetisch erscheint die Arbeit der Organe in der Installation „Chrystal Landscape of Inner Body” (2000) von Chen Zhen. Wie auf einem medizinwissenschaftlichem Tableau oder auf einem OP-Tisch liegen die Körperteile ausgebreitet und geben, trotz des transparenten Glases, ihr Geheimnis nicht preis.

Eine Entdeckung ist auch der Film „Un Chant d’Amour” (Ein Liebesgesang) von Jean Genet, der 1950 entstand. Der 25-minütige Film erzählt die Geschichte zweier durch eine Mauer voneinander getrennter Gefängnisinsassen, deren Sich-Verzehren nach dem jeweils anderen sich einzig und allein in der Wahrnehmung des sie beobachtenden Gefängniswärters zur kausalen Erzählung zusammenfügt. Bei aller Unverhohlenheit der Darstellung ist Genet damit eine subtile und zärtliche Erzählung über die Kraft der Imagination gelungen.

Wer durchgehalten hat, kann am Ende um einige Gedanken und Erkenntnisse reicher die Ausstellung verlassen (noch bis 4. März).

Into Me/Our of Me, Raumansicht
Into Me/Out of Me: Ausstellungsansicht
Alle Rechte vorbehalten: KW Institute for Contemporary Art, Berlin
Photo: Uwe Walter

Edit: Klaus Biesenbachs Abschied ist eigentlich gar keiner. Vielmehr wird er neben seiner Tätigkeit für das P.S.1 in New York weiterhin Ausstellungen für die KunstWerke machen.